Bündnis gegen Video­über­wa­chung gegründet -Updates

Update 2: Für den Montag, den 11. März lädt das Bündnis zur Podiums­dis­kussion in die HU ein. Hier ist das FB-Event:
Keine Demo ohne Video­auf­nahmen? Diskussion über den Gesetz­entwurf des
Berliner Senats zur Video­über­wa­chung bei Versamm­lungen

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am Montag, den 11. März um 19:00 Uhr in der
Humboldt-Univer­sität Berlin, Seminar­ge­bäude am Hegel­platz (Dorotheenstr.
24), Fritz-Reuter-Saal.

Die große Koalition in Berlin will der Polizei das anlasslose Filmen von
Demons­tra­tionen erlauben. Ein vom Senat vorge­legter Gesetz­entwurf soll
noch in diesem Frühjahr verab­schiedet werden. Nicht nur Bürger­rechtler
sehen die Versamm­lungs­freiheit gefährdet. Das Berliner Bündnis für
Versamm­lungs­freiheit veran­staltet daher zusammen mit den Kriti­schen
Juris­tinnen und Juristen der Humboldt-Uni zu Berlin eine
Podiums­dis­kussion zu dem Gesetz­entwurf. Wozu der Gesetz­entwurf? Wo bleibt
unsere Versamm­lungs­freiheit? Gibt es keine anderen Mittel für den
angestrebten Zweck?

Über diese und andere Fragen werden auf dem Podium disku­tieren:

– Peer Stolle (Rechts­anwalt, Republi­ka­ni­scher Anwäl­tinnen- und
Anwäl­te­verein)
– Klaus Kandt (Polizei­prä­sident von Berlin)
– Ulrike Lembke  (Uni Hamburg)
– Frank Henkel (Innen­se­nator Berlin) [angefragt]

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Update 1: Am Montag, den 04. März war eine Anhörung im Innen­aus­schuss zum geplanten Gesetz. Hier ist die Presse­mit­teilung des Bündnis dazu:

Das geplante Filmen von Demos ist verfas­sungs­widrig Berliner Bündnis für Versamm­lungs­freiheit begrüßt Klarstellung im
Innen­aus­schuss

Bei der gestrigen (4. März 2013) Anhörung im Innen­aus­schuss des Berliner Abgeord­ne­ten­hauses zum „Gesetz über Über­sichts­auf­nahmen“  (Drs. 17/0642) haben die geladenen Sachver­stän­digen dem Senat die Verfas­sungs­wid­rigkeit seines Gesetz­ent­wurfs bescheinigt. Das Berliner Bündnis für
Versamm­lungs­freiheit fordert den Senat auf, den Gesetz­entwurf nun zurück­zu­ziehen.

Als Sachver­stän­diger geladen war unter anderem Prof. Dr. Clemens Arzt. Arzt ist Professor für Polizei- und Versamm­lungs­recht am Fachbe­reich
Polizei und Sicher­heits­ma­na­gement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.  Er vertiefte in einer ausführ­lichen Stellung­nahme die
auch vom Berliner Bündnis für Versamm­lungs­freiheit bereits in der Vergan­genheit geäußerten Kritik­punkte und äußerte erheb­liche Zweifel an
der Verfas­sungs­mäßigkeit des Entwurfs, aber auch an dessen Notwen­digkeit. Das Filmen von Versamm­lungen solle unabhängig von jeder Gefahr zulässig
werden, allein weil viele Menschen wegen eines bestimmten Anliegens auf die Straße gehen. Seine Resümee: Je mehr Menschen demons­trieren, desto
wahrschein­licher wird deren Über­wa­chung. Eine Über­ra­schung war, dass auch der von der großen Koalition geladene Sachver­ständige Prof. Michael Knape (Direk­ti­ons­leiter bei der Berliner Polizei) den Gesetz­entwurf in weiten Teilen für verfas­sungs­widrig hält und engere und präzisere Grenzen für
die Zuläs­sigkeit vorschlägt.

Das Berliner  Bündnis für Versamm­lungs­freiheit warnt insbe­sondere vor der Abschre­ckungs­wirkung von Kameras und findet es bemer­kenswert, dass die
Koalition offen­sichtlich keinen Sachver­stän­digen findet, der den Gesetz­entwurf für gut befindet.

Das Bündnis veran­staltet am kommenden Montag, den 11. März 2013 um 19 Uhr eine Podiums­dis­kussion zum Gesetz­entwurf in der Humboldt-Univer­sität zu Berlin. Auf dem Podium werden Frank Henkel (Innen­se­nator Berlin) [angefragt], Klaus Kandt (Polizei­prä­sident von Berlin), Peer Stolle
(Rechts­anwalt, Republi­ka­ni­scher Anwäl­tinnen- und Anwäl­te­verein) und Dr. Ulrike Lembke  (Uni Hamburg) disku­tieren.
http://berlin.humanis­tische-union.de/nc/detail/back/aktuelles-1/article/keine-demo-ohne-video­auf­nahmen-diskussion-ueber-den-geset­ze­s­entwurf-des-berliner-senats-zur-videoueb/

Das Bündnis hatte sich Anfang des Jahres aus Protest gegen die vom Senat geplanten Über­sichts­auf­nahmen von Demos gegründet.
Beteiligt sind mittler­weile 18 Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, Gewerk­schaften und Parteien.
http://berlin.humanis­tische-union.de/nc/detail/back/aktuelles-1/article/berliner-forum-fuer-versamm­lungs­freiheit-gegru­endet/

Die Stellung­nahme von Clemens Arzt finden Sie hier:
http://www.hwr-berlin.de/fileadmin/profpages/arzt/Polizei­recht__Versamm­lungs­recht/Arzt_VersGBln_1-3-2013.pdf

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Ursprungstext:

Am Montag, dem 4. Februar hat sich offiziell das „Ber­liner Bündnis für Versamm­lungs­frei­heit“ gründet. Grund ist das vom Berliner Senat geplante anlasslose Filmen von Versamm­lungen. Ich halte das für einen sehr wichtigen Schritt. In vielen Bundes­ländern sind die durch die Föde­ra­lis­reform möglich gewor­denen Einschrän­ku­ungen der Versamm­lungs­freiheit geräuschlos oder zumindest ohne größere Kompli­ka­tionen durch­ge­setzt worden. Die Gründung des Bündnis, die Energie, die dort momentan reinfließt aber auch dadurch freige­setzt wird, gibt Anlass zur Hoffnung, dass es in Berlin anders sein wird. Lest im Folgenden die Presse­mit­teilung zur Gründung des Bündnis:

Zu dem Bündnis haben sich neben Einzel­per­sonen folgende Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, Gewerk­schaften und Parteien
zusam­men­ge­schlossen: die Humanis­tische Union Berlin-Brandenburg, das Komitee für Grund­rechte und Demokratie, der Republi­ka­nische Anwäl­tinnen- und Anwäl­te­verein, der Arbeits­kreis Vorrats­da­ten­spei­cherung (Ortsgruppe Berlin), die Digitale Gesell­schaft, Clof, digital­courage, die Stiftung Haus der Demokratie und Menschen­rechte, Verei­nigung Demokra­ti­scher Juris­tinnen und Juristen, ver.di (Bezirk Berlin), die Grüne Fraktion Berlin, die Piraten­fraktion
Berlin, die Links­fraktion Berlin und der Landes­verband der Partei DIE LINKE.

Ihr Protest richtet sich gegen den Gesetz­entwurf des Berliner Senats „über Über­sichts­auf­nahmen zur Lenkung und Leitung des Polizei­ein­satzes bei Versamm­lungen unter freiem Himmel und Aufzü­gen“ (Druck­sache 17/0642). Über dieses Vorhaben will das Bündnis infor­mieren. Geplant sind daher verschiedene Aktionen und Veran­stal­tungen. Die meisten Bürger wissen gar nicht, dass der Senat ihr Grund­recht auf Versamm­lungs­freiheit erheblich einschränken will. Zahlreiche Bürger werden durch die Video­über­wa­chung unter General­ver­dacht gestellt und einge­schüchtert. Das Bündnis fordert daher das Parlament auf, das Gesetz nicht zu verab­schieden.

Der Gesetz­entwurf und unsere Kritik

Der Berliner Senat hat einen Gesetz­entwurf „über Über­sichts­auf­nahmen zur Lenkung und Leitung des Polizei­ein­satzes bei Versamm­lungen unter freiem Himmel und Aufzü­gen“ (Druck­sache 17/0642) vorgelegt. Er soll das anlasslose Filmen von Demons­tra­tionen erlauben. Voraus­setzung ist allein, dass es sich um eine große oder unüber­sicht­liche Versammlung handelt. Diese unbestimmten Begriffe öffnen Missbrauch Tür und Tor. Die sogenannten Über­sichts­auf­nahmen sollen der Lenkung und Leitung des Polizei­ein­satzes dienen. Einzelne Personen sollen angeblich nicht erkennbar sein. Für die
Lenkung und Leitung ist das Filmen jedoch über­haupt nicht notwendig. Mehrere Polizisten, die sich über Funkge­räte austau­schen, haben eine Demons­tration ebenso gut im Blick. Im Übrigen kann sich ein Polizist von einem erhöhten Stand­punkt aus (z.B. von einem Dach oder einem Hubschrauber) auch ohne Kamera einen Über­blick verschaffen.

Dass es dem Senat bei dem Gesetz ohnehin weniger um Über­sichts­auf­nahmen als vielmehr um die konkrete Bespit­zelung von Versamm­lungs­teil­nehmern geht, offenbart sich bereits in der Begründung des Gesetz­ent­wurfs. Immer wieder ist hier von Kamera-Wagen die Rede. Wie jedoch von einem Kamera­wagen Über­sichts­auf­nahmen angefertigt werden sollen, auf denen einzelne Versamm­lungs­teil­nehmer dann nicht erkennbar sein sollen, bleibt ein Rätsel. Bereits in der Vergan­genheit hatte die Berliner Polizei solche Aufnahmen angefertigt. Damals ohne gesetz­liche Grundlage. Das Berliner Verwal­tungs­ge­richt hatte dies verboten und klarge­stellt, dass die Versamm­lungs­teil­nehmer auch bei Über­sichts­auf­nahmen stets indivi­dua­li­sierbar sind: „Der einzelne Versamm­lungs­teil­nehmer muss ständig damit rechnen, durch eine Vergrößerung des ihn betref­fenden Bildaus­schnittes (Heran­zoomen) indivi­duell und besonders beobachtet zu werden. Mit den heutigen techni­schen Möglich­keiten ist dies generell möglich, so dass ein prinzi­pi­eller Unter­schied zwischen Über­sichts­auf­nahmen und perso­nen­be­zo­genen Aufnahmen nicht mehr besteht.“

Die Abschre­ckungs­wirkung für poten­tielle Versamm­lungs­teil­nehmer ist daher groß. Dass dem Senat dies nicht bekannt ist, ist schwer vorstellbar. Schließlich hat er Video­über­wa­chung genau aus diesem Grund an vielen öffent­lichen Plätzen einge­führt. Zudem hat auch hiervor bereits das Berliner Verwal­tungs­ge­richt gewarnt: „Wer unsicher ist, ob abwei­chende
Verhal­tens­weisen jederzeit notiert und als Infor­mation dauerhaft gespei­chert, verwendet oder weiter­ge­geben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhal­tens­weisen aufzu­fallen. Wer damit rechnet, dass etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürger­in­itiative behördlich regis­triert wird und dass ihm dadurch Risiken entstehen können, wird mögli­cher­weise auf eine Ausübung seiner entspre­chenden Grund­rechte (Art. 8, 9 GG) verzichten.“ Dies wäre fatal. Nicht nur für die Versamm­lungs- und Meinungs­freiheit des Einzelnen, sondern auch für unser Zusam­men­leben. Beide Freiheiten sind unent­behr­liche und grund­le­gende Funkti­ons­ele­mente unseres demokra­ti­schen Gemein­wesens.

Für Rück­fragen steht Ihnen zur Verfügung:
Anja Heinrich, Geschäfts­füh­rerin der HU Berlin-Brandenburg,
unter 030 / 204 2504 oder berlin@humanis­tische-union.de

Eine der ersten Aktionen wird am 25. Februar eine Podiums­dis­kussion sein. Unter Umständen wird das Bündnis sich auch am Inter­na­tio­nalen Aktionstag für Privat­sphäre am 23.2. betei­ligen. Die Fraktion gibt sich natürlich Mühe, das ganze parla­men­ta­risch zu flankieren. Ich gehe davon aus, dass die Piraten­partei Berlin das Bündnis auch unter­stützen wird und werde bald einen diesbe­züg­lichen Antrag stellen, bin aber nicht traurig, wenn mir jemand zuvor kommt. (*Hint*)

Auch in den Medien gab es schon erste Reaktionen. Hier ist ein Interview mit Anja Heinrich, der Geschäfts­füh­rerin der Humanis­ti­schen Union Berlin-Brandenburg im Neuen Deutschland.

Und in der Taz.

Hier ein Beitrag mit Bene Lux und dem Berliner Daten­schutz­be­auf­tragten.

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