Offene Antwort an Lalon Sander

Abgeord­ne­ten­watch ist ein tolles Projekt. Aller­dings ist es so konzi­piert, dass die Fragen auch als Fragen formu­liert sein sollen. Geschieht dies nicht und sind Beiträge einfach nur Wortmel­dungen oder Erwide­rungen, so werden diese oft heraus­ge­filtert, damit sich ein für alle spannender Dialog entwi­ckeln kann. Genau so ging es Lalon Sander, dessen Frage mir persönlich zugestellt wurde, aber mein Profil auf Abgeord­ne­ten­watch nun nicht zieren wird. Voraus­ge­gangen war dem Ganzen  meine Antwort auf seine Frage (ja, ich weiß, es wird kompli­ziert) auf Abgeord­ne­ten­watch. Hier der bisherige Dialog. Da sich schon jemand die Mühe der Inter­aktion macht, warum diese nicht auf meinem Blog fortsetzen? Hier nun die „Frage“, dann meine Antwort.

„Hallo Herr Reinhardt,
Vielen Dank für Ihre Antwort.

Es über­rascht mich, dass Sie als Migra­tions- und Integra­ti­ons­po­li­tiker den Zusam­menhang zwischen dem Begriff „Farbig“ und dem Antiras­sismus, besser gesagt dem Rassismus nicht erkennen. Sowohl der englische Ausdruck „Colored“ als auch der deutsche Ausdruck „Farbig“ gelten als nicht diskri­mi­nie­rungsfrei. Insbe­sondere sind „Schwarz“ und „Farbig“ nicht austauschbar nutzbar wie Sie es tun.

Hierzu empfehle ich die Lektüre der entspre­chenden Stellung­nahme vom Braunen Mob (http://derbrau­nemob.de/shared/download/warum_keine_farbigen.pdf).

Beste Grüße und viel Glück bei der Wahl
– Lalon Sander“

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Sander,

vielen Dank für Ihre neuer­liche Antwort. Ich freue mich über Ihren Input, den ich aufmerksam gelesen habe, und kann Ihnen nun sagen, dass ich Ihnen wohl zustimme, aller­dings in diffe­ren­zierter Form.

Zuerst: Ich stimme Ihnen komplett zu, dass der Begriff „Farbig“ nicht ideologie- und nicht vorur­teilsfrei zu gebrauchen ist. Er drückt, wie in dem von Ihnen zugesandten Text beschrieben, eine Abwei­chung von der Norm – dem Nicht-Farbig-Sein – aus. Dies ist natürlich nicht bloß herab­wür­digend für die Betrof­fenen, sondern vor allem gefährlich für die Gesell­schaft, in der bestimmte Typen von Menschen zur Norm erhoben werden.

Ich denke aber – ohne mich dem entziehen zu wollen – dass der oben genannte Text vor allem für die Medien wichtig ist, die wohl unsere (Wahrneh­mungs-) Welt und Sozia­li­sation entscheidend prägen. Ganz richtig wird darauf hinge­wiesen, dass man nicht den einen Menschen (einen Weißen) mit dem Merkmal „blond“, den anderen als „groß“/“dick“/“dünn“/usw. beschreiben kann, während der aus Afrika stammende Betei­ligte – obwohl dies für die Sache nicht inter­essant ist – als „dunkel­häutig“ beschrieben wird. An dieser Stelle läuft man abseits jeder Wortwahl Gefahr, Menschen auf ein bestimmtes, vielleicht in dieser Situation gar nicht relevantes Merkmal zu reduzieren, nur weil man selbst dies gerade besonders stark wahrnimmt. Journa­listen – und in gewissem Umfang natürlich auch die Politik – kommt hier die besondere Verant­wortung zu, diese Vorur­teile und Wahrneh­mungs­pro­bleme nicht über Gebühr fortzu­tragen und zu unter­stützen. Frauen haben hier wiederum ähnliche Probleme. Medien neigen dazu, in Sendungen, die vor allem männ­liches Verhalten darzu­stellen, „Quoten­frauen“ einzu­bauen, welches an dem Problem selbst rein gar nichts ändert, aber eine Symbol­figur schafft, auf die man bei Bedarf verweisen kann. Wenn diese Rolle sich dann auch noch quasi nur über ihre Anders­ar­tigkeit (Geschlecht/Hautfarbe) definiert und dazu phäno­ty­pi­sches (bzw.. was wir darunter verstehen) Verhalten aufweist, erweist man den Betrof­fenen einen Bären­dienst. Bekannt ist dieser Effekt unter dem Namen „The Smurfette Principle„.

Was nun noch bleibt, ist die Frage nach dem richtigen Begriff. Den Begriff „Farbige“ für Menschen mit dunkler Hautfarbe gebrauche ich seit Kindheit/Jugend, als mir erklärt wurde, dass man nicht „Schwarze“ sagen solle, da dies herab­wür­digend sei. Beschäftigt habe ich mich mit dem Begriff verwandten politi­schen und histo­ri­schen Fragen vor allem auf Englisch, wo der Begriff „coloured people“ bis heute gebraucht wird. Äqui­valent wird einem wohl irgendwann erklärt, dass man nicht „Zigeuner“ sagen solle, sondern „Sinti“ und „Roma“. Ich weiß, am besten wäre es ja, grund­sätzlich jeden Menschen als Individuum wahrzu­nehmen und zu beschreiben, zumindest aber das genaue Ursprungsland zu recher­chieren, um diesem Menschen in seiner persön­lichen Bedeutung gerecht zu werden (auch wenn man nun so Menschen statt auf eine Hautfarbe auf eine Natio­na­lität reduziert, was auch nicht richtig ist, zumindest journa­lis­tisch gesehen wäre das aber wohl korrekter).
Menschen neigen jedoch zur Reduktion und dazu, Schub­laden zu benutzen. Und bei allen gut gemeinten Versuchen, dies weitgehend zu über­winden, wird man doch nicht ganz ohne auskommen. Eine Möglichkeit wäre es wohl zumindest, die Unter­scheidung zu treffen, ob man es mit in Amerika lebenden Afroame­ri­kanern oder mit aus Afrika nach Europa gekom­menen Schwarz­afri­kanern oder Maghre­binern zu tun hat. Aber auch das setzt ein Nachfragen vor dem Bezeichnen voraus, was unter Umständen kommu­ni­ka­ti­ons­hemmend statt kommu­ni­ka­ti­ons­er­leich­ternd wirken kann. Falls Sie wiederum konkrete Vorschläge für mich haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freund­lichen Grüßen,
Fabio Reinhardt

PS: Als ich übrigens gestern mit Freunden von der Flücht­lings­i­ni­tiative Berlin-Brandenburg (FIBB) im Treffen des Bündnis gegen Lager sprach, waren sich diese des Problems kaum bewusst. Abzulehnen sei vor allem der Begriff „Neger“ / „Nigger“ – eine Selbst­ver­ständ­lichkeit – darüber hinaus solle man so beschreiben, dass man sich gut verstehe – der Sinn jeder Kommu­ni­kation. Als Schimpfwort können man übrigens alles benutzen: „Du Schwarzer!“ oder „Der Schwarze da“ genauso wie jedes andere Wort, das man verächtlich ausspricht. Auch da ist etwas wahres dran.

2 Kommentare zu “Offene Antwort an Lalon Sander

  1. Hui, ich wurde von einem Politikerblog verlinkt. Ich komme mir so relevant vor 😀

    Dafür werd ich auch mal etwas Passendes zur Diskussion beitragen, weil ich das Thema tatsächlich sehr spannend finde. Generell weniger die Wortwahl um Gruppen zu beschreiben (trotzdem aber auch), als vor allem auch ganzen kulturellen Disriminierungen, die wohl auch oft einfach unbewusst geschehen.
    Zum Beispiel das Smurfette-Principle, dass ich ja in meinem Blog vorstellte, finde ich da ziemlich spannend. Wenn man es nicht kennt, fällt einem die Diskriminierung kaum auf, kennt man es aber und betrachtet Filme und andere Medien unter diesem Gesichtspunkt, bemerkt man schnell, dass da wirklicher Sexismus praktiziert wird. Noch augenöffnender ist da der Bechdel-Test, mit dem man quasi die Rolle der Frau in Filmen überprüfen kann. Gibt es mehr als eine, haben beide einen richtigen Namen und unterhalten sich gemeinsam über etwas anderes, als ihre Beziehungen zu Männern, hat der Film den Test bestanden. ES ist erstaunlich, wieviele Filme durchfallen. Dabei finde ich es aber nur bedingt schlimm, wenn ein Film den Test nicht besteht. Manchmal lässt die Geschichte eben nicht mehrere Frauenrollen zu, das ist für mich okay, weil für mich auch die Geschichte mi Vordergrund stehen sollte. Manchmal aber ist es aber sehr offensichtlich und schlimm, wie eindimensional die weiblichen Charaktere dargestellt werden. Aber mit dem Thema will ich mich hier auch gar nicht lange aufhalten. Das haben andere schon besser getan *g*

    Zur Wortwahl von ethnischen Gruppen (und selbst bei dieser Wortwahl überlege ich, ob es politisch korrekt ist): Ich persönliche finde den Begriff „Schwarze“ für Dunkelhäutige erstmal per se nicht schlimm, zumal ich auch kein Problem damit habe, als „Weißer“ bezeichnet zu werden. Auf der anderen Seite aber sind diese Begriffe aber auch sehr wertemoralisch geprägt, steht das schwarze/dunkle doch oft für das böse und das weiße/helle für das Gute. Siehe zb „Herr der Ringe“.
    Vielleicht sollte man da ansetzen.

    Meine persönliche Meinung ist, dass man das vielleicht auch nicht soooo eng sehen sollte. in der Politik, das weiß ich nicht, ich bin nicht politisch engagiert und hatte daher nie ein Sorge, dass ich mich da korrekt ausdrücken muss. Ich finde aber, dass man Dunkelhäutige aber auch ruhig ohne schlechtes Gewissen Schwarze nennen können sollte. Ich weiß jetzt nicht, wie sich ein dunkelhäutiger Bürger dabei fühlt, würde er so bezeichnet werden, ich kann aber sagen, dass ich es weder diskriminierend und schon gar nicht feindlich meine. Denn ein schlechtes Gewissen bei Bezeichnungen zu haben und peinlich genau darauf zu achten, wen man wie nennt, kann ja auch schon eine Form von Rassismus sein. Zwar nicht die böse, gewalttätige und feindliche, aber die nicht gleichstellende, bevorzugende. Das kann auch mitunter nicht gut sein.

    Aber wie gesagt, schwieriges Thema und ich bin froh, dass ich mir soweit darüber keine Gedanken machen muss. *g*

  2. Hallo Fabio Reinhardt,

    Ihre Antwort habe ich erst heute gesehen, als ich mal wieder völlig selbstverliebt meinen eigenen Namen googelte. Sie haben recht, dass die Suche nach PC-Ausdrücken häufig kommunikationshemmend sein kann – allerdings können mit ein bisschen Offenheit und Einfühlungsvermögen lassen sich mögliche unangenehme Situationen überwinden.

    Wichtig ist allerdings wie Sie als Migrationspolitiker Begriffe in Ihrer politischen Praxis nutzen. Da sind Begriffe wie „Schwarzafrikaner“ (schon mal von den ähnlichen Weißeuropäern oder Braunasiaten was gehört? Nee, oder? 😉 ) oder „Farbige“ fehl am Platz, weil sie eben nicht diskriminierungsfrei sind. Der Braune Mob bietet da in vielen Bereichen Hilfe. Anders als es Ihnen beigebracht wurde ist eben „Schwarzer“ deutlich diskriminierungsfreier als „Farbige“. Im Englischen wird nicht „colored people“ sondern die Selbstbezeichung „People of Color“ verwendet – „colored people“ entspricht dem deutschen „Farbige“.

    Beste Grüße

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